Zentrale Fragen der Digitalisierung aus Sicht von ver.di

Im Schulterschluss mit der deutschen Industrie will Microsoft das von Bundeskanzlerin Angela Merkel umrissene „Digitale Wirtschaftswunder“ in Deutschland möglich machen. Mit einem „Memorandum für ein Digitales Wirtschaftswunder“ wendet sich Microsoft an Politik und Wirtschaft und benennt zehn gemeinsame Themenfelder, in denen Handlungsbedarf besteht.
In seinem Gastbeitrag beschreibt Karl-Heinz Brandl, Bereichsleiter Innovation und Digitalisierung bei ver.di, die Veränderungen der Arbeitswelt durch die Digitalisierung:


Zentrale Fragen der Digitalisierung aus Sicht von ver.di

Karl-Heinz Brandl

Karl-Heinz Brandl

Die Veränderungen durch Digitalisierung (Wirtschaft 4.0) sind gewaltig und stellen etablierte Geschäftsmodelle und die Art, wie wir arbeiten, häufig in Frage. Die Dienstleistungsbranchen gehören zu den Spitzenreitern der hoch digitalisierten Wirtschaftsbereiche. Um die 92 Prozent der Arbeitsplätze in der Medien- und Kulturbranche, 82 Prozent in Energieunternehmen und 71 Prozent im Handel sind bereits „digital ausgestattet“. In der Musikbranche, im Bankwesen und im Versandhandel wurden bereits gewaltige Umwälzungen vollzogen. Musik und Filme werden bereits seit einigen Jahren vornehmlich im Internet erworben und konsumiert, statt sie auf CD oder DVD zu erwerben, Bankgeschäfte werden zu weiten Teilen online abgewickelt, unterschiedlichste Waren (z.B. Elektronikartikel, Bücher, Kleidung) vermehrt bei Online-Händlern gekauft.

Digitale Automatisierung: Was wird aus den Jobs?
Es gibt Modellrechnungen, denen zufolge in Ländern wie Deutschland innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte nahezu die Hälfte der bestehenden Jobs durch Fortschritte der Digitalisierung gefährdet sein könnte. Nicht nur im Bereich Geringqualifizierter, auch im mittleren Qualifikations- und Entgeltbereich könnten viele Arbeitsplätze entfallen. Insbesondere sind Tätigkeiten von Automatisierung bedroht, die keine sog. kreative oder soziale Intelligenz aufweisen. Es bedarf deshalb erheblicher Anstrengungen mit dem Ziel, die Beschäftigungsbilanz des Wandels positiv zu gestalten und Arbeit für alle zu ermöglichen. Dafür müssen Produktivitätsfortschritte, die über die Digitalisierung möglich werden, zumindest in Teilen umverteilt werden. Sie sollten genutzt werden für soziale und beschäftigungswirksame Innovationen, für Investitionen in gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen, insbesondere in soziale Dienstleistungen wie z.B. Pflege und Kinderbetreuung, für steigende Masseneinkommen und kürzere Arbeitszeiten.

Digitale Veränderung: Wie verändert sich die Arbeit?
Im Zuge der Digitalisierung entstehen neue Jobs, für viele Erwerbstätige verändern sich Arbeitsinhalte grundlegend, auch kann Arbeit mittels technischer Arbeitsmittel wie Smartphone und Tablet vielfach räumlich und zeitlich flexibel erfolgen.
Digital vernetzte Arbeit bietet einerseits die Möglichkeit erweiterter Freiräume für Beschäftigte, die im Einklang mit deren Interessen und unter ihrer Beteiligung stärker als bisher genutzt werden müssen. Auf der anderen Seite geht die Digitalisierung der Arbeitswelt oft aber auch mit Entgrenzungen, Gefährdungen und Belastungen einher, die aufgrund steigender Arbeitsintensität und Verantwortung vor allem im psychischen Bereich zugenommen haben.
Damit die Möglichkeiten digitaler Arbeit im Sinne der Beschäftigten genutzt werden, müssen diese erstens mitbestimmen können, wie, wann und wo sie arbeiten wollen. Beschäftigte brauchen durchsetzbare Ansprüche auf ein Mindestmaß an Tätigkeitsanteilen, die während der betriebsüblichen Arbeitszeiten an einem von ihnen selbst zu bestimmenden Arbeitsort erbracht werden können. Eine auf diese Weise erweiterte Zeit- und Ortssouveränität kann helfen, Arbeit und Leben besser miteinander zu vereinbaren. Zweitens muss den gesundheitsgefährdenden Folgen einer digital erweiterten Erreichbarkeit und Verfügbarkeit von Beschäftigten entgegengewirkt werden. Die Erreichbarkeit und Verfügbarkeit muss begrenzt werden, damit der Feierabend Feierabend und das Wochenende Wochenende bleibt, Beschäftigte benötigen ein Recht auf Nichterreichbarkeit zu bestimmten Zeiten.
Mit dem digitalen Wandel der Arbeitswelt entstehen neue Anforderungen an Qualifikationen von Beschäftigten. Dabei geht es neben der Fähigkeit, neue technische Arbeitsmittel zu beherrschen, auch darum, dass Beschäftigte in der Lage sein müssen, in flexibleren Arbeitswelten selbstorganisiert ihren Arbeitsalltag zu meistern. Soziale Kompetenzen rücken verstärkt in den Vordergrund. Deshalb müssen die Bemühungen auf allen Ebenen des Bildungssystems, namentlich in der beruflichen Aus- und Weiterbildung, intensiviert werden, um die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen zu sichern – zum Beispiel im Wege erhöhter Investitionen und verlängerter Weiterbildungszeiten. Dies könnte – wie in Österreich – über eine geförderte Bildungsteilzeit umgesetzt werden.

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Digitale Kontrolle: Wer verfügt über die Daten und wozu?
Die Fortschritte digitaler Vernetzung in ihrer gegenwärtigen Form ermöglichen die Überwachung, Kontrolle, Steuerung und Selektion durch private Unternehmen, staatliche Sicherheitsbehörden und Arbeitgeber in einem bislang unvorstellbaren Ausmaß, von dem potenziell alle Menschen als Bürger, Verbraucher und Beschäftigte betroffen sind. Die Enthüllungen durch Edward Snowden über die umfassenden Überwachungsaktivitäten der NSA und mit ihr kooperierender Geheimdienste vor zwei Jahren haben dies deutlich gemacht.
Aber es geht nicht nur um Überwachung durch Geheimdienste. Als Nutzer unterschiedlichster Online-Dienste liefern wir Unternehmen unterschiedlichste Daten über uns und unsere Interessen und Vorlieben. Und auch in der Arbeitswelt hinterlassen Beschäftigte mehr und mehr digitale Spuren, die vom Arbeitgeber zu einer umfassenden Kontrolle genutzt werden können. Die Gefährdungen, die sich aus derlei Praktiken für die Persönlichkeitsrechte von Beschäftigten ergeben, erfordern rechtliche, technische und organisatorische Schutznahmen, welche u.a. in einem zeitgemäßen Beschäftigtendatenschutzgesetz geregelt werden müssen.

Digitale Zukunft: gemeinsam können wir sie gestalten!
Gerade weil die Digitalisierung ein gewaltiges Potenzial an Ambivalenz in sich birgt, und gerade weil in diesem Land die Mehrzahl der Menschen in Dienstleistungen beschäftigt sind, ist die Gestaltung der Dienstleistungswirtschaft die wichtigste Aufgabe, um Zukunftsfähigkeit für Viele herzustellen. Wir bringen uns in diesen Veränderungsprozess im Interesse unserer Mitglieder ein, mit dem Ziel: Wohlstand, Gerechtigkeit, Beschäftigung und Gute Arbeit zu schaffen.

Gastbeitrag von Karl-Heinz Brandl, Bereichsleiter Innovation und Digitalisierung bei der ver.di Bundesverwaltung

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